S.307f; insbes. Mommsen, S. 30-37). Dazu Faust in 9414: „Es ist ein Traum ...". Als Goethe einen zu deutlichen, an das Knabenmärchen erinnernden Hinweis gibt, rügt er sich selbst, 9044, Chor: „... gibts's auch Tänzer da?", Phorkyas: „gelockte Buben ... Jugend! Paris ... als er der ... zu nahe kam", Helena: „Du fällst ganz aus der Rolle ...". Hier ist in Faust2 ein deutlicher Hinweis auf das Knabenmärchen von Goethe eingefügt: Traum, gelockter Bube, Jugend, Paris. Im Traum1 kam Paris (alias der kleine Goethe im Traum) der Alerte zu nahe. Hier setzt Goethe voraus, dass der Leser Dichtung und Wahrheit von Goethe gut kennt und somit auch das Knabenmärchen, die beiden Kinderträume, aus denen das Knabenmärchen besteht. Goethe hat offenbar viel von seinem Vorbild (neben oder nach dem großen Naturforscher Aristoteles) Sophokles gelernt, z.B. wie man den Leser, Zuschauer, neckt (Tiedemann, PSYCHE, 2022). Sophokles lässt den blinden Ödipus z.B. (in „Ödipus auf Kolonos“) vorausgehender Führer sein für Sehende, in einer für alle unbekannten Wald- und Felsenlandschaft. Dies ist dort ein Zeichen für den Leser oder Zuschauer, dass er über diese Verrücktheit, Unmöglichkeit, des Textes nachdenken soll und auch im weiteren Text aufmerksam sein soll. So auch Goethe hier im FAUST-TEXT!
Vierter Akt: Traumhinweis in 10300, Faust: „Trug! Zauberblendwerk! Hohler Schein,“ Traumhinweis in 10071 ff: „Durch Weiberkünste ... verstehen sie vom Sein den Schein zu trennen, und jeder schwört, das sei das Sein." PAUSE. Die PAUSE deute ich als Denkpause für den Leser (vgl. Mommsen, S. 236-242). 10417 ff:“ es war nur Schein, allein der Schein war groß“. 10857f: KAISER: Hat sich in unsern Kampf auch Gaukelei geflochten, Am Ende haben wir (Anmerkung: pluralis majestatis) uns nur allein gefochten. Gaukelei kann gut als Hinweis auf Traum interpretiert werden.
Fünfter Akt: Nachthinweise: „TIEFE NACHT" und „MITTERNACHT". Der Traumhinweis: 11412 ff, Faust: „Wenn auch ein. Tag uns klar vernünftig lacht, in Traumgespinst verwickelt uns die Nacht." Der Text deutet den Morgen und ein erst bevorstehendes Erwachen aus Traumgeschehen an (vgl. v. Wiese, S. 162). Dazu 11686: „unwillkommenen Tag" und 11890: „Morgenwölkchen".
Die obige Interpretation wird unterstützt durch die vier Strophen des Elfenchors zu Beginn des FAUST2, 1.AKT, erste Szene: „ANMUTIGE GEGEND“. CHOR. die vier Strophen charakterisieren den Verlauf einer Nacht. Nach Eckermanns Ausgabe (bei Tewes 1901, S.120) trugen sie „in dem ersten Entwurf von Goethes Hand“ (nicht erhalten mehr), wohl als Hinweis für eine Vertonung gedachten, den Verlauf einer Nacht kennzeichnenden, Überschriften: Serenade (Abendmusik), Notturno (Nachtmusik), Matutino (Morgen Gesang), Reveille (Weckruf) (Schöne, Kommentar.2018, S. 405;s.auch Schadewaldt(S.251-262),Goethestudien, Natur undAltertum,1963 Artemis Verlag Zürich und Stuttgart). Wir sind hiermit möglicherweise der von Goethe angewendeten Verschlüsselung (auf eine der vielen) des Faust2 auf die Spur gekommen: der Verdacht: die vier Strophen des Elfenchors sollten ursprünglich jeweils eine der vier Pausen des Faust2 (Faust2 hat fünf Akte somit vier Pausen) ausfüllen. Zur Verschlüsselung des Faust2 wurden diese vier Strophen dann an den Anfang des Faust2, in die sog. Gebrauchsanweisungs-Scene ANMUTIGE GEGEND verschoben und ihrer, den Verlauf einer Nacht kennzeichnenden, Überschriften beraubt aber nicht ihrer inhaltlichen Bedeutung für den Nacht-Verlauf des Faust2.