Knaben „Lumpenhund“ auf Ei-Niveau und dann eine ungeschlechtliche Teilung, eine eineiige Zwillingsentstehung auf der Bühne („Faust 2“ ab Herold, 5471–5478). Germanisten meinen, dabei entstünden psychische Anteile von Mephisto (s.u.).
Beeindruckende Trauma- und Körpergefühlsschilderungen von Patienten führten zu erneuter Beschäftigung mit Goethes Faust-Dichtung und in der Folge zu neuen ergänzenden Interpretationen und zu bioanalytischen Überlegungen, die das Phänomen der Persönlichkeitsdissoziation, des Wiederholungszwangs und Todestriebes betreffen.
In seinem berühmten Abschnitt über Hamlet in „Die Traumdeutung“ sagt Freud (1900a; SE 4, S. 265): „Es kann natürlich nur das eigene Seelenleben des Dichters gewesen sein, das uns im Hamlet entgegentritt.“ Das dürfte auch in Bezug auf Goethe und seine Faust-Dichtungen zutreffen. Freuds Abhandlung „Der Dichter und das Phantasieren“ (Freud, 1908e, SE 9, S. 143–153) ermutigt zusätzlich zu dieser Annahme. Dem bekannten FAUST-Forscher Prof. Rüdiger Scholz, verdanken wir in Germany die Popularität der 2-bändigen, umfangreichen und großartigen psychoanalytischen Goethe-Studie des bekannten amerikanischen Analytikers K.R. Eissler i . In dieser sind seelische Verletzungen Goethes beschrieben. Eissler erwähnt auch (Bd.1,S.37), dass der bekannte Psychiater und Zeitgenosse Goethes, Prof. Carus, einen wichtigen Beitrag zur Psychobiologie des Genies leistete mit seinem Hinweis, daß Goethe durch das Schreiben seiner Werke »Krankheitsstoffe herauswarf« (Carus, 85, S. 79). Scholz hat seine zeitgemässe, beeindruckende und umfangreiche FAUST-Interpretation, seine Habilitationsschrift, benannt: „Die beschädigte Seele des großen Mannes“ (Scholz,1982;-3.erweiterte Auflg.2011).
Goethe beschreibt in „Dichtung und Wahrheit“ (DuW) vier bedrohliche Kindheitserlebnisse, die auch in der Faust-Dichtung Gestaltung fanden :
A ) Ein Geburtstrauma: Goethe kam (asphyktisch) „für tot auf die Welt“ (DuW, S. 15). In „Faust 1“ heißt es: „Das Kind erstickt, die Mutter platzt“ (3977); in „Faust 2“ finden sich die Verse (9646 ff.):
[...] kaum gebornem Säugling
faltet in reinster Windeln Flaum,