Hauptpersonen im Faust II sind zunächst folgende: Faust, Mephisto, Kaiser, Wagner, Knabe, Lenker, Euphorion, Homunkulus, Helena und das unscheinbare „Mädchen" (9793 ff). Faust bis Homunkulus könnten Anteile der Psyche Goethes sein (vgl. v. Wiese, S. 152). Entsprechend: „man kann sich selbst auch andern übertragen ... mythologisch ... in zwei die Wesenheit der drei zu fassen, der dritten Bildnis mir zu überlas­sen" (8012 ff). Das könnte zugleich ein Hinweis sein, daß Goethe sich mit Traumarbeit beschäftigte (vgl. Brief an Herder, 27.12.1788). Faust deute ich zeitweilig auch als Vaterimago, Helena als Mutterimago, das „Mädchen" (9793 ff) als Cornelia-Alerte-Helena (vgl. Scholz, S. 159 u. 169). Auf die Ähnlichkeiten zwischen dem Knaben Lenker, dem „Poet" (5573), Euphorion und Paris wiesen Scholz und Mommsen (Scholz, S. 118 f; Mommsen, S. 150). Emrich meint, der Knabe Lenker verkörpere Goethes eigene Existenz (Emrich, S.219). Schadewaldt wies auf den „Paris-Goethe" im Knabenmärchen, er sah Analogien zwischen dem Geschehen in Traum 2 und dem 3. Akt Faust II (Schadewaldt, S. 272 u. 276). Sowohl äußere Ähnlichkeiten, wie z. B. lockiges Haar, als auch die der Handlung lassen an eine Beziehung zwischen dem Schulknaben-Paris-Goethe und Euphorion denken, wie: Tanz, Streit mit dem „Mädchen", Sturz in Gegenwart einer Vaterimago, dem „Al­ten" und Faust.

Die Verrätselungstechnik, die Goethe in „Alexis und Dora" anwendete: „im Gedicht doppelt erfreulichen Sinn", fand vielleicht auch im Faust II Anwendung. Die erste Szene des Faust II, „Anmutige Gegend", ist eventuell zugleich die Gebrauchsanweisung. Vielleicht ist das Haupträtsel in 4626: „vier sind die Pausen nächtiger Weile"? Die Pausen, bisher als Vigilien gedeutet, könnten eine Doppelfunktion haben: Faust II hat fünf Akte, dazwischen vier Pausen. Das könnte bedeuten, daß jeder Akt nächtige Weile, Traum von Faust wäre. Entsprechend den Traumhinweisen in jedem „Akt" des Märchens (S. 51 u. 64; Schadewaldt, S. 268) dürften dann innerhalb jeden Aktes in Faust II Traumhinweise sein. Ab Beginn der Szene „Kaiserliche Pfalz" schläft, träumt Faust eventuell wieder, analog dem Beginn des Traum 2 des Märchens, wo Goethe ebenfalls den Traumbeginn verschwieg.

Mögliche Traumhinweise: Helena-Paris-Szene Ende des ersten Aktes

(6546), Mephisto zu Faust: „Machst du's doch selbst, das Fratzengeisterspiel!" Vielleicht sagt Mephisto zu Faust, daß Faust alles träume (vgl. v. Wiese, S. 151; Staiger, Bd. III, S. 310)? Zweiter Akt: Enthält erst einen Nachthinweis (7058): ,,eh' es tagt ...". Dann der Traumhinweis (7076 f): „... wie mich den Schläfer ... so steh' ich ...". Interpretierbar dahingehend, daß Faust schläft, träumt. Faust berührt in Regie nach 7055 den Boden, jedoch ein Hinweis, daß er erwacht, fehlt. So sucht er denn im „Fabelreich" (7055), Traumreich. Auch das aus Träumen in der Nacht Erwachen wäre von Goethe verwandt worden (7253): „... unterbrochnen Träumen zu!" Darauf in 7271, Faust: „Ich wache ja!" Zeilen später (7275): ,,... sind's Träume? Sind's Erinnerungen?" Das Wiedereinschlafen erfolgt unmerklich (vgl. Staiger, Bd. III, S. 323 f; v. Wiese, S. 152). Dritter Akt: Nachthinweise: 8695: „... Nachtgeburten ...", wenig später, 8812: „... Mutter der Nacht ...". Die Chorgestalten werden im Dialog als Phorkyas entsprechend dargestellt, als Nachtgeburten: 8825, Phorkyas: „... So nenne dich zuerst, das Rätsel hebt sich auf." Dann folgt die Vorbereitung auf die Möglichkeit des Traumes in 8839f, Helena: „... War ich das alles? Bin ich's? Werd' ich's künftig sein, das Traum...bild?" Der Traumhinweis folgt in 8879ff, Helena: „... Ich als Idol, ihm dem Idol verband ich mich. Es war ein Traum, so sagen ja die Worte selbst. Ich schwinde hin und werde selbst mir ein Idol." Indem sie selbst sich ein Idol wird und dabei dem Halbchor in die Arme sinkt, wird angedeutet, daß sie weiterhin eine Traumgestalt ist und somit das, was mit ihr geschieht, im Traum geschieht (vgl. v. Wiese, S. 155 f; Staiger, Bd. III, S.307f; insbes. Mommsen, S. 30-37). Dazu Faust, 9414: „Es ist ein Traum ...". Als Goethe einen zu deutlichen, an das Knabenmärchen erinnernden Hinweis gibt, rügt er sich selbst, 9044, Chor: „... gibts's auch Tänzer da?", Phorkyas: „gelockte Buben ... Jugend! Paris ... als er der ... zu nahe kam", Helena: „Du fällst ganz aus der Rolle ...". Vierter Akt: Traumhinweis in 10071 ff: „Durch Weiberkünste ... verstehen sie vom Sein den Schein zu trennen, und jeder schwört, das sei das Sein." PAUSE. Die PAUSE deute ich als Denkpause für den Leser (vgl. Mommsen, S. 236-242). Fünfter Akt: Nachthinweise: „TIEFE NACHT" und „MITTERNACHT". Der Traumhinweis, 11412 ff, Faust: „Wenn auch ein. Tag uns klar ver-
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